Liebe, Krieg und Poker (Teil2)

Ein Pokerspiel steckt voller Raetsel: Wenn er denkt, dass ich denke, dass er denkt, ich habe vier Koenige, dann ...

Beim Pokern zählt Glück genauso wie Können. Vor allem anderen aber ist es ein Spiel, in dem es um Geheimnisse geht: Jeder Spieler besitzt Informationen, die anderen Spielern verborgen bleiben. Im Schach, in dem es rein aufs Können ankommt, liegen Truppenstärke und mögliche Spielzüge der Kontrahenten für jeden offen. Beim Pokern aber kann kein Spieler dem anderen in die Karten schauen, keiner dennt die ganze Wahrheit. An diesem Punkt nun hat die Spieltheorie ihren großen Auftritt.

Von Neumann glaubte, dass er, wenn es ihm gelänge, das Pokerspiel mit mathematischen Prinzipien zu erklären, einen Schlüssel zu sämtlichen menschlichen Interaktionen gefunden habe. Poker ist ein Spiel, bei dem in einem Umfeld voller Geheimnisse, Glück und kluger Kalkulation, eine kleine Anzahl von Spielern versucht, einander zu überlisten. Doch Poker ist beileibe nicht die einzuige Form der Interaktion, auf die das zutrifft. Denken Sie an Generäle, die einen Krieg gewinnen müssen. Oder - und jetzt werden Sie mich sicher für einen Zyniker halten - an alle Männer und Frauen, die sich an das große Spiel der Liebe wagen. Viele Formen der menschlichen Interaktion können als geistiger Schlagabtausch betrachtet werden - wie Poker. All diese Formen der Interaktion, welche die Spieltheorie zur Kategorie Spiele rechnet, lassen sich mit Hilfe ihrer Erkenntnisse analysieren.

Das Wirtschaftsleben bildet hier keine Ausnahme. Von Neumann tat sich mit dem Ökonomen Oskar Morgenstern zusammen, mit dem er die Bibel der Spieltheorie verfasste: Spieltheorie und wirtschaftliches Verhalten, das in England kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs publiziert wurde. Seitdem stehen Spieltheorie und Ökonomie in enger Beziehung zueinander. Fast alle Wirtschaftswissenschaftler lernen im Studium die Grundsätze der Spieltheorie kennen. Umgekehrt haben viele Spieltheoretiker den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten.

Wenn Sie nach Anwendungsfällen der Spieltheorie im realen Leben suchen, denken Sie nur an Verhandlungen zwischen Vermieter und Mieter, zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaften, zwischen Gebrauchtwagenhändlern und -käufer. Denken Sie an die Öl produzierenden Länder, die vor der Frage stehen, ob sie sich an die OPEC-Regeln halten sollen, um die Ölpreise hoch zu halten, oder einfach drauflos produzieren, um so die von den anderen geschaffenen hohen Preise schamlos auszunutzen. Wir reden von der Schar sich unverdrossen überbietender Telekommunikationsanbieter, die von der regierung Lizenzen für die Nutzung bestimmter Funkfrequenzbereiche ersteigern wollen, von denen es nur eine begrenzte Anzahl gibt. Jeder Bieter hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie viel Gewinn er mit solch einer Lizenz machen wird. Wieviel ist die Lizenz dieser Firma wert? Idealerweise wünscht die Regierung, die Lizenzen an jene Firmen zu vergeben, die sie am effizientesten verwerten können. Da die Regierung gleichzeitig eine Ressource aufteilt, die eigentlich dem Steuerzahler gehört, wird sie versuchen, das beste für ihre Bürger herauszuholen.

Im von Neumannschen Sinne sind sowohl Poker als auch die Lizenzauktionen Spiele. Sie ähneln sich schon insofern, als bei beiden Vorgängen große Geldsummen im Mittelpunkt stehen. Ohne Einsatz verlöre das Pokerspiel seinen Sinn. Für jeden Spieler macht Gald das fragliche Spiel attraktiver, doch beim Poker ist Geld das zentrale Element. Wenn die Spieler nciht echtes Geld setzen wird die Kommunikation bedeutungslos. Wie wir mittlerweise wissen, sind Worte Schall und Rauch. Auch ein Bluff hat nur dann ernsthafte Konsequenzen, wenn echtes Geld im Spiel ist.

Dasselbe gilt für die Mobilfunklizenzen. Auf Spieltheorie spezialisierte Ökonomen gehen davon aus, dass jede Verteilung öffentlicher Ressourcen, ob es nun um das Recht auf Ölbohrung oder auf Nutzung eines bestimmten Frequenzbereichs geht, letztlich von ähnlichen Prinzipien entschieden wird, wie sie beim Pokern Anwendung finden. Um den im Wettbewerb stehenden Unternehmen keine Chance zum Bluffen zu geben, sah sich die Regierung gezwungen, hohe Einsätze vorzuschreiben. So musste jeder Spieler, wie es so schön heißt, Nägel mit Köpfen machen.